V-Mann unter den 129 Kontaktpersonen aus dem direkten NSU-Umfeld / Neonazistische Aktivitäten gehen unterdessen weiter: Kundgebung in München am SamstagSecret service informant among the 129 contact persons close to NSU / Neo-Nazi-activities meanwhile continue: Rally in Munich on Saturday

Pressemitteilung vom 28. März 2013

„Immer tiefere Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der Neonazi-Szene und dem NSU“

Vor drei Tagen erhielt der NSU Untersuchungsausschuss eine neue Liste mit 129 Personen, die im direkten Umfeld des NSU aktiv waren. Bereits heute zeichnet sich ab: Der Verfassungsschutz (VS) stand dem NSU wahrscheinlich näher als bislang behauptet.

Auf der Liste findet sich der Name des NPD-Funktionärs Peter Klose aus Zwickau. Die Tageszeitung ‚Die Welt’ [1]  berichtet unter Berufung auf einen Bericht der ‚Leipziger Volkszeitung‘, Klose sei bis Ende der 1990er Jahre für den sächsischen Verfassungsschutz tätig gewesen. Der NPD-Kader Peter Klose macht keinen Hehl aus seiner ideologischen Nähe zum NSU. Auf seiner Facebook Seite verwendete er die Comic Figur „Paulchen Panther“ bereits vor dem Bekanntwerden des Bekennervideos des NSU. Brisant ist auch, dass „Nachbarn des Gartengrundstücks von André und Susann Eminger in Zwickau Klose eindeutig wiedererkannt [haben]. Ermittler nehmen an, dass eine engere Bekanntschaft bestehen könnte zwischen Klose und dem Eminger-Paar, das den untergetauchten Neonazis u.a. Personaldokumente zur Verfügung gestellt haben soll“, berichtet das unabhängige Webportal indymedia [2] unter Berufung auf die Recherchegruppe gamma [3] aus Leipzig. André Eminger ist neben Beate Zschäpe einer der Mitangeklagten im NSU Prozess, der am 17. April vor dem Oberlandesgericht München beginnt.Press release, March 28 2013

“The deep involvements of the secret service in the Neo-Nazi-scene and the NSU continue to surface”

Three days ago the NSU enquiry commission received a new list with 129 names of persons who were in direct contact or close to the NSU terror group. Only three days later it became public: The German domestic secret service ‘Verfassungsschutz’ was probably closer to the NSU as they always claimed.

The name of Peter Klose, former parliamentarian of the German Nazi party NPD in Saxony, appeared on the new list. Referring to a report in the newspaper ‘Leipziger Volkszeitung’ the daily journal ‘Die Welt’ states [1], that Klose was informant of the ‚Verfassungsschutz‘ until the end of the 1990s. The NPD cadre Klose is known for its sympathy with the NSU. He had used the comic figure “Pink Panther” on his Facebook site even before the NSU videos of responsibility became public. Furthermore neighbours of a garden house owned by André and Susann Eminger recognized Klose. Thus investigators believe that there was close contact between Klose and the Eminger couple who obtained among other things passports for the terror group, reports the independent news blog ‚indymedia‘ [2] referring to the investigative group ‚gamma‘ [3] from Leipzig. André Eminger is one of the codefendants beside Beate Zschäpe in the NSU trial which starts on 17th April at the higher regional court in Munich.

Da auf der bis vor kurzem bekannten „Hunderterliste“ angeblich keine V-Männer gestanden hatten, konnte der Inlandsgeheimdienst bislang abstreiten, Informanten im direkten NSU Umfeld gehabt zu haben. Dies wird ihm jetzt schwer fallen, da die Informanten-Tätigkeit Kloses genau in den Zeitraum der ersten Bombenanschläge und des Abtauchens des NSU fällt. Diese Berichte unterstützen Vermutungen, nachdem der Verfassungsschutz Zugriff auf den NSU zu einem Zeitpunkt gehabt haben könnte, als noch keine Morde begangen wurden.

Es zeichnen sich immer tiefere Verstrickungen des Verfassungsschutzes mit der Neonazi-Szene und dem NSU ab. Angesichts dessen ist es völlig unverständlich, dass die Politik an eine Reformierbarkeit des Verfassungsschutzes glaubt. Dieser Inlandsgeheimdienst belügt die Öffentlichkeit, vernichtet Beweise und schützt gewalttätige Neonazis. Er ist vielmehr eine Gefahr für die Gesellschaft und muss abgeschafft werden“, erklärt Bernd Kaminski, Pressesprecher des ‚Bündnis gegen Naziterror und Rassismus’.

„Ungeheuerliche Provokation“: Kundgebung von Neonazis in München am kommenden Samstag

Während die öffentliche Aufmerksamkeit um die rassistischen Morde des NSU und den anstehenden Prozess derzeit sehr groß ist, gehen unterdessen die Aktivitäten neonazistischer Gruppierungen weitgehend ungeachtet weiter.

Wie das Münchner aida-Archiv meldet, planen Neonazis aus dem Spektrum des „Freien Netz Süd“ (FNS) am kommenden Samstag, den 30.03.2013, von 16 bis 18 Uhr eine Kundgebung in München. Die Kundgebung der Nazis soll vor dem Arbeitsamt in der Kapuzinerstraße sein und ist Teil einer Serie von Neonazikundgebungen im Vorfeld eines Aufmarsches, der am 1. Mai in Würzburg stattfinden soll.
Der Aufmarschort der Nazis ist nicht zufällig gewählt. Er befindet sich zwischen dem Kafe Marat, einem antifaschistischen Kulturzentrum, und der Zenettistraße. Dort verübten Neonazis am 13.01.2001 einen rassistischen Angriff auf den griechischen Münchner Artemios T., der den Angriff nur überlebte, weil Passant_innen eingriffen. Die angreifenden Nazis, die in der Kneipe Burg Trausnitz auf Einladung Martin Wieses feierten, brüllten, laut einem Bericht des aida-Archivs [4], damals: „Du Ausländer wirst jetzt sterben“ – „Der Kanacke soll nicht überleben“ – „Den bringen wir um“. Martin Wiese war Anführer der so genannten Wiese-Gruppe, die 2003 einen Anschlag auf die Grundsteinlegung des jüdischen Zentrums am Jakobsplatz planten. Seit seiner Entlassung 2010 aus dem Gefängnis ist Wiese fester Bestandteil der Naziszene und führendes Mitglied des „Freien Netz Süd“, das die Kundgebung veranstaltet.

Die Lehre aus den Morden des NSU muss ein breites gesellschaftliches Engagement gegen Nazis und Rassismus sein, neonazistische Aktivitäten dürfen nicht weiter von der Öffentlichkeit unbeachtet geschehen und müssen breit thematisiert werden.“, kommentiert Kaminski. „Die Nazis, die 2001 Artemios T. ermorden wollten, handelten aus der selben rassistischen Motivation heraus wie der NSU – dass Neonazis jetzt, kurz vor Beginn des NSU-Prozesses, an diesem Ort eine Kundgebung abhalten, ist eine ungeheuerliche Provokation.

Das Bündnis gegen Naziterror und Rassismus ruft dazu auf, den Nazis entgegenzutreten und diese Provokation zu verhindern.

[1] Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article114763004/Mehr-V-Maenner-als-bisher-bekannt-im-NSU-Umfeld.html
[2] Quelle: http://de.indymedia.org/2013/03/342909.shtml
[3] Quelle: http://gamma.noblogs.org/archives/1105
[4] Quelle: aida-Archiv: Sprengstoff in München; S. 15, http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_remository&Itemid=198&func=startdown&id=8

Since none of the known informants was listed on the former ‘list of hundred’ so far, the ‚Verfassungsschutz‘ continuously claimed that they had no direct contact with the NSU. This statement will be difficult to hold up as Klose’s activites match the time of the first bombing of the NSU and its disappearance. This new reports support indications that the VS could have had access to the NSU at a time before any murders had been committed.
More and more the deep involvements of the secret service in the neo-Nazi-scene appear. It is completely incomprehensible that politicians still believe that the ‚Verfassungsschutz‘ can be reformed. In fact this agency is lying to the public, destroys evidences and protects violent Nazis. It has become instead a great danger for the society”, says Bernd Kaminski, spokesman of the ‘Alliance against Nazi-terror and racism’.

“Outrageous provocation”: Manifestation of Neo-Nazis in Munich next Saturday

Meanwhile as the public’s attention is focused on the racist NSU murders and the up-coming trial the activities of neo-Nazi-groups continue without interruption.
As the Munich ‚aida‘-archive reports, Neo-Nazis from the network “Freies Netz Süd” (FNS) plan a manifestation on Saturday, the 30th March 2013, from 4-6 p.m. in Munich. The rally will take place in front of the work agency in Kapuzinerstraße and is part of a series of Neo-Nazi manifestations leading up to a march which will take place on 1st May at Würzburg.

The location is not chosen randomly: The manifestation will take place between ‚Kafe Marat‘, an antifascist culture centre, and Zenettistraße. This is the place where neo-Nazis attacked a Greek man from Munich, Artemios T., on 13th January 2001. He only survived this attack because passers-by intervened. The attacking neo-Nazis, who were celebrating in the pub Burg Trausnitz and were invited by Martin Wiese, yelled, according to a report of ‚aida-archive [4]: “You stranger, you will die now” – “the Kanacke (german curse word for a foreigner) shall not survive” – “We murder him”. Martin Wiese was the leader of the so called “Wiese-Gruppe” which in 2003 planned an attack on the foundation stone laying ceremony of the Jewish centre at Jakobsplatz at Munich.  Since he came out of prison Wiese has been a permanent part of the neo-Nazi-scene and leading member of the network “Freies Netz Süd” which is organizing the manifestation.

The lesson of the NSU murderers has to be a broad engagement in society against Nazis and racism, neo-Nazi activities mustn’t continue without interruption and have to be on the focus of more people.”, Kaminski comments. “The Nazis who wanted to kill Artemios T. 2001 acted in consequences of the same racist motivation like the NSU – the fact that Nazis now, on the verge of the beginning of the NSU trial, hold a manifestation at this place, is an outrageous provocation.

The ‘Alliance against Nazi-terror and racism’ calls on everybody to counter the Nazis and to impede this provocation.

[1] Source: http://www.welt.de/politik/deutschland/article114763004/Mehr-V-Maenner-als-bisher-bekannt-im-NSU-Umfeld.html
[2] Source: http://de.indymedia.org/2013/03/342909.shtml
[3] Source: http://gamma.noblogs.org/archives/1105
[4] Source: aida-Archiv: Sprengstoff in München; S. 15, http://www.aida-archiv.de/index.php?option=com_remository&Itemid=198&func=startdown&id=8